Hoteliers müssen smarter werden
Die Konsumenten werden immer smarter - eine Herausforderung für die Hoteliers, sagte eine Trendforscherin bei der Preisverleihung des «coolsten Souvenirs von Zürich».
Von Janine Hosp
Zürich. - Welches ist das coolste Souvenir von Zürich, wollte Zürich Tourismus wissen und schrieb im Dezember einen Wettbewerb aus. Entscheiden mussten sich die 300 geladenen Gäste am 1. Zürich Spirit Event gestern im Kaufleuten. Ist es die Uhr mit dem Zifferblatt des St. Peter? Oder die trendige Wasserflasche, die man an einem der 1200 Züri-Brunnen füllen kann? Die Tramtasche? Oder der Schlüsselanhänger aus einem Gummigeschoss? Es war die Trinkflasche von Andreas Batliner und Patricia Hartmeier.
Zürich Tourismus hat Interesse, dieses Souvenir zu produzieren. Ausgeschrieben wurde der Wettbewerb aber nicht, weil die Organisation selber keine Ideen gehabt hätte, wie Tourismusdirektor Franz Bumann erklärte, sondern um der Bevölkerung die Bedeutung des Tourismus bewusst zu machen - immerhin hängen 9 Prozent der Arbeitsplätze vom Tourismus ab.
Zudem hat Zürich Tourismus kürzlich den Zürich Spirit Club gegründet. Ihm sollen sich Personen anschliessen, die von der «Zürichness» profitieren und den Tourismusstandort ideell und finanziell fördern wollen. Nach Ansicht der Hoteliers liegt es nicht an ihnen alleine, Zürich Tourismus weit gehend zu finanzieren, es profitieren auch viele andere Betriebe von der Organisation.
Vor der Preisverleihung zeigte Jeanette Huber die Trends im Tourismus auf. Die Tourismusexpertin ist Geschäftsleitungsmitglied des deutschen Zukunftsinstituts von Matthias Horx. Im Gespräch mit dem TA erläutert sie, welche Herausforderungen sich den Zürcher Hoteliers stellen.
Frau Huber, Zürich Tourismus hat gestern «das coolste Souvenir von Zürich» erkoren. Bringt das dem Standort Zürich etwas?
Es ist dann ein genialer Einfall, wenn es Emotionalität, Ästhetik und Einfachheit verbindet - und typisch Zürich ist.
Ein Trend, so sagten Sie in Ihrem Referat, ist «less for less» - «wenig für wenig». Weshalb sind die Kunden heute so preisfixiert?
Dank dem Internet erhält sie heute in Sekundenschnelle umfassende Informationen zu jedem Produkt und zu jedem Service. Das war noch nie so einfach wie heute. Die Konsumenten werden immer smarter und nutzen das.
«Less for less» scheint auch in Zürich zu gelten: 1-Stern-Hotels sind am besten ausgelastet. Es finden sich aber nur gerade 6 von 111 Betrieben in diesem Segment. Ist das Angebot falsch ausgerichtet?
«Less for less» heisst, das Angebot bis auf die Kernleistung abzuspecken. Wer mehr will, muss bezahlen oder arbeiten, etwa das Mietauto selber reinigen. Die Zielgruppe - Menschen mit kleinem Geldbeutel - ist aber klein. Viele preissensible Kunden sind nicht geldknapp, sondern smart. Sie wollen mehr Leistung für weniger Geld. Wir nennen das «cheap chic». In den letzten Monaten sprangen grosse Marken auf diesen Zug auf, etwa H&M mit Karl Lagerfeld. In der Hotellerie stehen die Indigo-Hotels von Intercontinental für «cheap chic»: Sie betreibt eine aggressive Preispolitik - das Zimmer kostet 100 Dollar die Nacht - bietet aber moderne Annehmlichkeiten: übergrosse Betten und Kissen, Holzböden, Wellness-Duschen und schöne Räume.
Die Zürcher Hoteliers müssen ihre Leistung zu den hohen Schweizer Preisen erbringen. Können Sie da mithalten?
Die Hoteliers müssen umdenken. Es gibt heute zu viele Geschichten, welche die Gäste nicht goutieren, etwa dass am Abend Süssigkeiten auf das Kissen gelegt werden, die kein Mensch mag. Das empfinden manche Gäste eher als lästig. Die Hoteliers müssen nach anderen Dienstleistungen suchen. Die Gäste haben zum Beispiel manchmal Mühe, mit dem Laptop ins Internet zu gelangen. Wenn sie an der Réception Hilfe suchen, herrscht dort aber nicht selten Sendepause.
Auch die Hoteliers müssen smarter werden.
Ganz genau. Drei Viertel der Zürcher Hotelgäste sind Businessleute. Die Hoteliers müssen versuchen, sie zu verstehen. Die Businessleute gehören einer neuen, kreativen Klasse an, die anders tickt, die ein anderes Wertesystem hat, eine andere Ästhetik. Sie will zum Beispiel weniger Pomp, schätzt dafür Schlichtheit, Leere gar. Auf sie hat sich die Hotellerie hier aber noch gar nicht richtig eingestellt.
Um viel für wenig bieten zu können, müssen Hotels effizient arbeiten. Für kleinere Betriebe, wie es in Zürich viele gibt, ist dies schwierig. Gehört die Zukunft den Ketten?
Überhaupt nicht! Das beweist etwa das Hotel Vigilius in Meran. Es ist entgegen dem typischen Tiroler Holzbaustil puristisch gestaltet und bietet eine grosszügige Leere. In der Bibliothek finden die Gäste nicht die alten, angestaubten Schinken, sondern aktuelle Literatur und Zeitschriften. Man muss eben das richtige Angebot für seine Zielgruppe bereithalten.
Sehr viel Geld könnten die Hoteliers Ihrer Meinung nach mit Mitgliedersystemen verdienen - sie machen Angebote, die alle wollen, einigen wenigen zugänglich.
Wir beobachten eine Demokratisierung des Luxus - frühere Luxusartikel werden durch günstige Produktionsverfahren zu Massengütern. Wenn aber jemand wie David Beckham eine Digitalkamera hat, die ähnlich aussieht wie meine, dann fühlt er sich nicht gut behandelt. Er will sich von mir abgrenzen. Für diese Leute werden Angebote geschaffen, die nur Mitgliedern zugänglich sind. Thailand treibt dieses Prinzip - wir nennen es «Massclusivity» - mit seiner «Thai Elite Card» auf die Spitze. Die Inhaber dürfen in exklusiven Hotels absteigen, die nur ihnen zugänglich sind, sie werden am Flughafen schneller abgefertigt oder - der ultimative Kick - sie dürfen sich ein Ferienhaus in Thailand kaufen. Das ist Normalsterblichen nicht erlaubt.
Und wie werden die Mitglieder ausgelesen?
Unter anderem durch die Airlines - anhand der Umsätze, die sie bringen.
Dieses Elitedenken widerstrebt der Schweizer Seele - die Demokratisierung des Luxus entspricht uns schon eher.
Zumindest im Tourismus sollte sich die Schweiz auch auf das oberste Kundensegment einstellen - wir nennen es «Ultra Premium». Die Kerngruppe setzt sich aus den neuen Superreichen aus den chinesischen Küstenregionen und dem urbanen Indien zusammen. Wir rechnen in den nächsten 10 Jahren mit 50 Millionen Touristen aus dem ostasiatischen Raum, und die Schweiz wird einiges vom Kuchen abbekommen - schliesslich ist sie die bevorzugte Kulisse der indischen Filmindustrie.
Es scheint, als liege die Schweiz genau neben dem Trend: Das Angebot ist weder auf Budgetkonsumenten noch auf die Superreichen ausgerichtet, sondern auf den Mittelstand. Was raten Sie?
Ich kann Ihnen die Lösung nicht in die Feder diktieren. Aber grundsätzlich rate ich: Nischen suchen und das Angebot nach oben oder nach unten ausrichten, aber nicht in der Mitte stehen bleiben, in der Mitte verlieren Sie.
Diese Entwicklung scheint sich nicht nur auf den Tourismus zu beschränken, sie zeigt sich in der ganzen Gesellschaft.
Den Leuten wird bewusst, dass es nicht immer nur aufwärts, sondern auch einmal abwärts gehen kann.
Welche Rolle spielt der Standort?
Meine These lautet: Zürich wird als Tourismusdestination gewinnen, wenn die Stadt als Standort gewinnt. Zürich muss ein pulsierendes Zentrum sein, das die richtigen Unternehmen und die richtigen Leute anzieht. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass die Bevölkerung weltoffen, tolerant und sprachgewandt ist und gleichzeitig das lokale Kolorit bewahren kann. In diesem Spannungsverhältnis zu bestehen, zwischen «Gay World» und «Züri-Geschnetzeltem» - das ist die Chance.
«Businessleute gehören einer neuen kreativen Klasse an, die anders tickt.»
BILD THOMAS BURLA
Schlicht und erschwinglich - Trendforscherin Jeanette Huber ist angetan vom coolsten Souvenir.
